G’tt, Wille, Mensch: Daniel Neumann über Religion, Wissenschaft und g`ttliche Vorsehung

Es gibt tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unserem Verstand nicht erklären können.

Abbildung G’tt, Wille, Mensch: Daniel Neumann über Religion, Wissenschaft und g`ttliche Vorsehung

Seit jeher sind Dispute zwischen Naturwissenschaftlern und Glaubensvertretern ein offenbar beliebter Zeitvertreib: Im Rahmen der diesjährigen Jewish Book Week in London diskutierten der atheistische Mathematikprofessor Marcus du Sautoy und der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks über Religion und Wissenschaft.

Im Laufe des Gesprächs berichtete du Sautoy über die für ihn sehr beeindruckende Teilnahme an einem Experiment, durch das die Beziehung von neuronalen Prozessen, die sich in unseren Gehirnen abspielen, und anschließenden simplen Handlungen, wie etwa das Heben eines Fingers der rechten oder linken Hand, erforscht werden sollte.

Verblüfft habe ihn dabei vor allem, dass in einer Vielzahl der Fälle seine Gehirnaktivität das Ergebnis seiner Handlung habe vorwegnehmen können. Der wissenschaftliche Assistent, der die Hirntätigkeit überwachte, habe so bereits gut sechs Sekunden vor einer bewussten Entscheidung ebendiese Entscheidung zutreffend vorhersagen können.

Rabbiner Sacks war darüber alles andere als erstaunt. Für ihn, so sagte er lächelnd, sei das Ergebnis des Experiments keine weltbewegende oder neue Erkenntnis, denn seine Frau wisse immer schon im Voraus, was er tun werde.

Allwissenheit Unabhängig von der wissenschaftlichen Perspektive berührt dieses Gespräch eine Frage, die in unterschiedlichen Spielarten und Schattierungen Philosophie und Religion seit jeher beschäftigt hat. Im Judentum wird seit Jahrtausenden das grundlegende Problem diskutiert, ob die Allmacht und die daraus folgende Allwissenheit des Schöpfers den freien Willen des Menschen nicht logischerweise ausschließen muss.

Wenn G’tt allwissend ist und schon im Vorhinein weiß, was geschehen und wie sich der Mensch entscheiden wird, bedeutet das denn dann nicht automatisch, dass wir gar keinen freien Willen haben können? Wenn sein Wissen schon vor unserer Geburt so allumfassend ist, dass Er unseren Lebensweg und all unsere Entscheidungen kennt, wird sein Wissen dann nicht zu unserer Realität? Wie sollen wir uns frei entscheiden können, wenn G’tt längst vorhergesehen hat, wie wir uns letztendlich entscheiden? Ist der freie Wille dann nicht nur eine Illusion?

Aber wer sagt denn, dass wir überhaupt einen freien Willen haben? Vielleicht sind wir ja alle nur Figuren auf G’ttes Schachbrett oder die an Fäden baumelnden und fremdbestimmten Marionetten in des Schöpfers Puppentheater? Nein, dies sind wir Menschen ganz bestimmt nicht. Der freie Wille ist ein fundamentales Konzept im Judentum, das sowohl die Tora wie auch unser ganzes jüdisches Koordinatensystem durchzieht.

Lehrsatz Wie schon Joseph Hertz in seinem Tora-Kommentar ausführt, wurzelt die jüdische Lehre in der Lehre der Verantwortlichkeit, das heißt, dem freien Willen des Menschen. »Alles ist in G’ttes Hand, ausgenommen die Furcht vor G’tt« – dies ist ein unwidersprochener Lehrsatz der Rabbinen.

Auch die Tora und die in ihr enthaltenen 613 Ge- und Verbote sowie die im Judentum tief verankerten Konzepte von kollektiver Verantwortung und individueller Verantwortlichkeit bedingen quasi als Grundvoraussetzung den freien Willen des Menschen. Denn warum sollten dem Menschen Gebote gegeben werden, wenn er nicht eigenverantwortlich darüber entscheiden könnte, sie zu befolgen oder sie zu brechen? Bekräftigung und Bestätigung finden wir im 5. Buch Mose, Kapitel 30, Vers 19, wo geschrieben steht: »Das Leben und den Tod habe ich vor dich hingelegt, den Segen und den Fluch, und du sollst das Leben wählen, du und deine Nachkommen.«

Und dennoch heißt es in den Sprüchen der Väter, jener alten Sammlung von Weisheiten: »Alles ist vorhergesehen, doch die Freiheit der Wahl ist gegeben.« Wenn wir also von der unbestrittenen Allwissenheit G’ttes und der gleichzeitigen Willensfreiheit des Menschen ausgehen, so haben wir es – so scheint es zumindest – mit einem offenen Widerspruch zu tun.

Mischna Tora Maimonides, der wohl größte jüdische Philosoph und Gelehrte des frühen Mittelalters, hat dieses Problem in seinem Kommentar zur Mischna Tora, also der mündlichen Lehre, zwar erkannt und benannt, hat jedoch auf den ersten Blick keine endgültige Lösung dafür angeboten. Nach seinen Ausführungen sei der menschliche Geist schlicht nicht in der Lage, den scheinbaren Konflikt aufzulösen, weil unsere Vorstellung nicht ausreiche, g’ttliches Wissen überhaupt zu definieren oder zu erfassen. Denn es gebe bei den Menschen eine Trennung zwischen dem Wissenden, dem Prozess des Erkennens und dem Wissen über den jeweiligen Gegenstand. Der Ewige aber vereine all diese Schritte in sich. Es gebe keine außerhalb G’ttes ablaufenden Erkenntnisprozesse, sondern nur eine Einheit von G’tt, Erkenntnis und Wissen.

Trotz der Tiefe, die dieser Ansatz liefert, und dem der aus Goethes Faust uns eigentlich bekannte Gedanke entsprungen sein könnte, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir mit unserem begrenzten Verstand nicht erklären können, haben sich unsere Weisen und Gelehrten nicht damit zufriedengegeben und bis heute eine Vielzahl von Erklärungen erarbeitet, die das Problem behandeln.

Und auch Maimonides selbst hat den Faden an einer anderen Stelle und in einem anderen Zusammenhang wieder aufgegriffen und uns die Möglichkeit eröffnet, gepaart mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen eine faszinierende Antwort zu geben: Wenn wir von Vorsehung sprechen, übertragen wir menschliche Vorstellungen auf G’tt. Das gilt sowohl für den Prozess der Wissenserlangung und das Ergebnis des Wissens als auch für die zeitliche Dimension, in der wir uns bewegen. Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Schöpfer sozusagen in die Zukunft schaut und daraus sein aktuelles Wissen speist. Er weiß deshalb schon in der Gegenwart, also dem Hier und Jetzt, was in der Zukunft, also dem Morgen, sein wird.

Existenz Die Frage ist allerdings, ob Konzepte wie Raum und Zeit auf G’tt anwendbar sind? Maimonides schreibt dazu in seinem Werk Führer der Unschlüssigen, dass im Anfang der Ewige allein gewesen ist. Er habe aus dem Nichts alles Existierende nach seinem Willen geschaffen. Und auch die Zeit habe zu den Dingen gehört, die Er erschaffen habe. Die Tora selbst beginnt mit dem Wort »Bereschit«, was übersetzt »im Anfang« bedeutet. Im Anfang und nicht am Anfang, denn das Konzept von Zeit gab es noch nicht. Es wurde erst geschaffen. Nämlich im Anfang.

Und auch die in hebräischen Lettern gewählte Ausdrucksform seines unausprechlichen Namens Jud, Hey, Wav, Hey (YHVH) bezeugt diese Idee auf verblüffende Weise, wie Rabbiner Benjamin Blech in seinem Buch The secrets of hebrew words erklärt: Das Tetragramm des G’ttesnamens ist eine Zusammensetzung aus drei hebräischen Begriffen: hayah, hoveh, yiheyeh. Er war, Er ist, und Er wird sein. Fasst man diese zeitlichen Zustandsbeschreibungen zusammen, blendet man die hebräischen Begriffe praktisch ineinander, so entsteht der Name des Ewigen: YHVH – der schon immer war, der gerade ist und der immer sein wird. Mit anderen Worten: Der von Zeit nicht beeinflusst, betroffen oder limitiert wird. Der außerhalb der Zeit Existierende.

Dimension Nun ist es an sich schon faszinierend, wie unsere Weisen in der Lage waren, vor gut 800 Jahren solch komplexe Vorstellungen zu entwickeln, doch spätestens seit Einsteins Relativitätstheorie ist deutlich geworden, dass diese Ideen auch mit neueren wissenschaftlichen Konzepten in Einklang gebracht werden können. Einsteins Theorie verdeutlichte, dass Zeit keineswegs absolut ist.

Sie ist vielmehr eine Dimension wie Breite, Höhe oder Tiefe. Und sie ist relativ. Zwar bewegt sich der Mensch in dem uns bekannten Raum-Zeit-Gefüge, doch es ist vorstellbar, dass dieses mit Blick auf die vierte Dimension, also die Zeit, überwunden werden könnte. Zwar nicht von uns – zumindest noch nicht –, aber doch für G’tt. Übrigens hat Einstein durch sich selbst demonstriert, dass Glaube und Wissenschaft durchaus keine Gegensätze sein müssen.

Da der Ewige sich also außerhalb der Konzeption von Zeit befindet, ist auch g’ttliches Wissen ganz anders zu verstehen. Aus seiner Perspektive gibt es keine fortschreitende Zeit. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eins. Entscheidungen und Handlungen, die nach unserem Verständnis in der Zukunft liegen, die Er also vorhersieht, erfasst der Ewige mit Vergangenheit und Gegenwart zugleich.

Denn für ihn gibt es keine »Vorsehung« im sprichwörtlichen Sinn. Für den Ewigen ist alles jetzt, gleichzeitig, eins oder wie auch immer man es zu beschreiben versucht. Das bedeutet also, dass sein allumfassendes Wissen unseren freien Willen und unsere Entscheidungen nicht beeinträchtigt. »Alles ist vorhergesehen, doch die Freiheit der Wahl ist gegeben«. Wie recht unsere Weisen doch haben.

Maimonides und Einstein, ein Joint Venture unerreichter Geistesgrößen, helfen dabei, einen uralten, scheinbaren Widerspruch aufzulösen. Und auch Zweifler können sich trösten, denn sie befinden sich in guter Gesellschaft. Immerhin hat auch der Literaturnobelpreisträger Issac Bashevis Singer in seinem letzten Interview bekräftigt: »Natürlich glaube ich an den freien Willen! Habe ich denn eine Wahl?«

Daniel Neumann
Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13095

  

(Bildquelle: Juedische-Allgemeine.de)

Zur Übersicht