Der Schicksalstag: Daniel Neumann über ein Datum, das die Juden seit Jahrhunderten begleitet und ihre Existenz überschattet

Sucht man im Internet, dem größten Nachschlagewerk der Welt, nach dem Begriff »Schicksalstag«, so beziehen sich die meisten der angezeigten Resultate auf den 9. November als sogenannten Schicksalstag der Deutschen.

Abbildung Der Schicksalstag: Daniel Neumann über ein Datum, das die Juden seit Jahrhunderten begleitet und ihre Existenz überschattet

Ein Datum mit vielfältiger und wechselhafter, freudiger und trauriger Geschichte – auch und gerade für uns Juden: die Ausrufung der Republik 1918, der versuchte und gescheiterte Hitler-Putsch 1923, die Nacht der brennenden Synagogen 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989.

Suchte man nach jüdischen Schicksalstagen, so läge es nahe, auch hier gezielt auf das letzte Jahrhundert zu schauen, insbesondere auf die Jahre von 1933 bis 1945: Sei es der Tag der Machtübernahme der Nazis 1933, die Einführung der Nürnberger Rassegesetze 1935, die Reichspogromnacht 1938 oder die Entscheidung über die sogenannte Endlösung der Judenfrage 1941.

All diese Tage würden, auch wenn sie nur jeweils ein schreckliches Ereignis für die Juden bereithielten, und nicht wie der 9. November im Laufe der Zeit eine Vielzahl von geschichtsträchtigen Begebenheiten auf sich vereinten, für sich genommen, genügen, um in Kenntnis der Schoa von Schicksalstagen zu sprechen.

Wegmarke Doch in weiter zeitlicher Ferne von all diesen Daten, die natürlich einzigartige und erschütternde Wegmarken in der jüdischen Geschichte sind, gibt es einen weiteren Tag, der in den vergangenen 2.500 Jahren mehr als nur ein traumatisierendes und für die Evolution des Judentums entscheidendes Ereignis auf sich vereint und die Bezeichnung als Schicksalstag durchaus verdient: Die Rede ist von Tischa be Aw, dem 9. Tag des Monats Aw, jenem Trauer- und Fasttag, dem eine dreiwöchige Trauerperiode vorausgeht und der in diesem Jahr am 29. Juli in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem abgehalten wird.

Es war der 9. Aw im Jahr 586 vor der Zeitrechnung, als der von Salomo in Jerusalem gebaute Tempel von den babylonischen Horden um den König Nebuchadnezar in Brand gesetzt und zerstört wurde. Und es war wieder der neunte Tag des Monats Aw im Jahr 70 unserer Zeitrechnung, an dem römische Soldaten unter dem Befehl ihres Feldherrn Titus den von Esra neu errichteten Tempel in Schutt und Asche legten und damit den Anlass gaben für Flucht, Vertreibung und gewaltsame Verfolgung der Juden in aller Welt. Dieser Tag der Trauer war der Ausgangspunkt für ein nun schon fast 2.000 Jahre dauerndes jüdisches Leben im Exil, in der Diaspora.

Zerstörung Gerade durch die erneute Zerstörung des wiederaufgebauten Tempels wurde das jüdische Volk seines elementaren und zentralen Heiligtums beraubt, des Ortes, der für das Judentum geistiger Mittelpunkt und Pilgerstätte während der drei Wallfahrtsfeste (Pessach, Schawuot und Sukkot) bedeutete. Es war der Ort, an dem sich das Allerheiligste befand, die Schechina, die Gegenwart G’ttes, das Zentrum des Tempels, zu dem nur der Hohepriester an einem bestimmten Tag im Jahr, nämlich an Jom Kippur, Zugang hatte und das durch einen Vorhang vom Rest des Tempels abgetrennt war.

Dort war die heilige Lade aufbewahrt, welche die zwei Steintafeln barg, auf die einst Moses auf Geheiß G’ttes die Zehn Gebote schrieb und sie dem jüdischen Volk brachte. Die Bundeslade war eine mit Gold überzogene Truhe aus Akazienholz und wurde verziert mit zwei thronenden Engeln aus Gold, den Cherubim, die mit ausgebreiteten Flügeln die Deckplatte beschützten. Eben jene Cherubim, die nach biblischer Überlieferung auch den Eingang zum Garten Eden nach dem Sündenfall und der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies beschützten.

Die Bundeslade stand nach dem Empfang der Zehn Gebote am Berg Sinai zunächst in der Stiftshütte, bevor sie ihre endgültige Bestimmung im Inneren des ersten Tempels fand, von wo sie nach dessen Zerstörung spurlos verschwand. Auch heute noch bilden die Bundeslade und das Geheimnis ihres Verbleibs die Grundlage für eine Vielzahl von sagenumwobenen Geschichten, von Romanen und Filmen.

Mitunter wird sie mit der mittelalterlichen Gralslegende verknüpft und als der geheimnisvolle, mit g’ttlichen Kräften ausgestattete heilige Gral zu erkennen geglaubt. Eine originelle und doch abwegige Form christlich-jüdischer Legendenbildung. Vom Tempel als einstmaligem Mittelpunkt jüdischen Lebens blieb lediglich die Westmauer bestehen. Und auch heute symbolisiert Jerusalemer Klagemauer, die Sehnsucht nach dem Wiederaufbau des Tempels, der Ankunft des Messias und dem Beginn des kommenden, friedvollen Zeitalters.

Trauer Doch als wäre die zweifache Zerstörung des Tempels und in dessen Folge die Zerstreuung der Juden und der Verlust ihrer Unabhängigkeit nicht schon Grund genug zu trauern, bietet der 9. Aw noch weitere biblische und aktuelle Ereignisse, die ihn zu einem ganz besonderen Tag der Trauer und des Schicksals machen: Nachdem sich die Hebräer durch den Tanz um das Goldene Kalb am Fuß des Berges Sinai versündigt hatten und ihr wenig ausgeprägtes oder gar fehlendes G’ttvertrauen nicht nur durch dauerndes Murren und Beschuldigungen des Ewigen offenbarten, sondern auch durch die von Angst getragene Weigerung, in das versprochene Land einzuziehen, verkündete G’tt am 9. Aw sein Urteil und verfügte, dass die Generation von Menschen, die aus Ägypten ausgezogen war, das heilige Land Israel nicht betreten dürften. Stattdessen mussten sie weitere 40 Jahre durch die Wüste ziehen und auf der Wanderschaft sterben, bevor die folgende Generation in das heilige Land einziehen durfte.

Zeitrechnung Ein weiteres bitteres Ereignis fand im Jahr 135 unserer Zeitrechnung statt: Der dritte Jüdische Krieg gegen das Römische Imperium schlug endgültig fehl. Während des Aufstandes, den die Juden unter Führung Simon Bar Kochbas gegen die Römer führten, verschanzten sich Tausende von ihnen in der Festung Betar. Am 9. Aw fiel die Festung, die sowohl als Symbol des physischen wie auch des geistigen Widerstandes galt. Sämtliche dort vorgefundenen Juden, gleich ob Kämpfer, Frauen, Greise oder Kinder, wurden getötet. Unter ihnen war auch Rabbi Akiba, einer der bedeutendsten Väter des rabbinischen Judentums. Anschließend zerstörten die Römer Jerusalem bis auf die Grundmauern.

Am 9. Aw des Jahres 1492 wurde das Ausweisungsedikt, das Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien, die katholischen Könige, am 31. März desselben Jahres erlassen hatten, wirksam. Dieses verlangte, dass sich die jüdischen Bewohner Spaniens innerhalb einer dreimonatigen Frist entweder taufen lassen oder auswandern mussten. Die Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel hatte begonnen. Und mit ihr endete eine nahezu 1.500 Jahre dauernde jüdisch-spanische Liaison, in deren Blütezeit sich das Land vom 9. bis zum 13. Jahrhundert zu einem wichtigen geistigen Zentrum des Judentums entwickelte und spanische Juden das kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben maßgeblich prägten. Mit der Vertreibung fand dieses goldene Zeitalter sein jähes Ende.

Daten Als wären diese Ereignisse nicht schon genug, gibt es auch in der jüngeren Vergangenheit Begebenheiten, die den Ruf des 9. Aw als eines außerordentlich markanten Tages weiter festigen: Am 9. Aw 5674 (1914) erklärten England und Russland Deutschland den Krieg. Es war der Beginn des Ersten Weltkriegs. Am 9. Aw 5702 (1942) begannen die Deportationen aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka. Und am 9. Aw 5754 (1994) wurden bei einem Bombenattentat auf das Jüdische Gemeindezentrum AMIA im argentinischen Buenos Aires 85 Menschen zerfetzt und 300 zum Teil schwer verletzt.

Gründe gibt es also genug, um im wahrsten Sinne des Wortes von einem jüdischen Schicksalstag zu sprechen und diesen Tag fastend, in trauriger Erinnerung und begleitet von synagogalen Klageliedern zu begehen. Doch ebenso, wie uns die Trauer bewegt, schenkt uns der Blick in die Zukunft Hoffnung. Der Schabbat nach dem 9. Aw ist der sogenannte Schabbat des Trostes.

Daniel Neumann
Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13594

  

(Bildquelle: Juedische-Allgemeine.de)

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