Beschneidung – Das Ende der Freiheit?

Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen über die Beschneidungsdebatte. So erschienen in der Sendung "Jüdische Welt" des HR2.

Abbildung Beschneidung – Das Ende der Freiheit?

Haben Sie gewusst, dass in Deutschland über 4 Millionen Menschen leben, die ihre männlichen Nachkommen mutwillig verstümmeln, misshandeln und ihnen Gewalttraumata zufügen?

Und wussten Sie, dass diese sogenannten Kriminellen allesamt noch unbehelligt mitten unter uns leben?

Nein? Dann haben Sie in den letzten Wochen entweder keine Zeitung gelesen oder aber sie gehören zu denjenigen Menschen, denen gesunder Menschenverstand und freiheitliche Gesinnung noch nicht vollkommen abhanden gekommen sind.

Seit das Landgericht Köln Mitte Juni die rituelle Beschneidung eines muslimischen Kindes als strafbare Körperverletzung bewertet hat, tobt in Deutschland eine Diskussion, wie man sie sich kaum hat vorstellen können. Es werden schwere sprachliche Geschütze gegen das in Judentum und Islam praktizierte Ritual aufgefahren und man hat bei den Beschneidungsgegnern unweigerlich das Gefühl, dass diese sich inmitten eines Kreuzzuges befinden. Die Kreuzzügler kennen dabei keine Kompromisse, machen keine Gefangenen. Der Furor treibt sie an.

Was sich in diesen Tagen in Deutschland abspielt, dürfte eine Lehrstunde für jeden Psychoanalytiker sein. Für uns Juden ist es ein Albtraum aus dem wir hoffentlich bald wieder erwachen.

Also, worum geht es eigentlich?

Es geht um den Versuch, ein für Juden elementares und identitätsstiftendes Ritual zu verbieten. Die Beschneidung von männlichen Nachkommen, wie sie im 1. Buch Mose von G“tt angeordnet wurde und seit nunmehr beinahe 4000 Jahren vorgenommen wird. Beginnend mit Abraham, hat eine jede Generation, eine jede jüdische Familie ihren Bund mit G“tt besiegelt, indem sie ihre männlichen Babys am 8. Tag an der Vorhaut beschnitten hat.

Ausnahmen wurden nur zum Wohl des Kindes gemacht, nämlich dann, wenn der gesundheitliche Zustand des Babys eine Verschiebung nötig machte.  

Ein kleiner Schnitt für einen Säugling, aber ein großer Schritt für uns Juden.

Die Beschneidung, die weltweit bei gut einem Drittel der männlichen Bevölkerung nicht nur aus religiösen, sondern auch aus hygienischen, gesundheitlichen oder ästhetischen Motiven vorgenommen wird, soll nun ausgerechnet in Deutschland als strafbewährte Körperverletzung verboten werden? Der Wahnsinn scheint tatsächlich Methode zu haben.

Dabei ist es für Juden historisch nun wirklich nichts Neues, dass man versucht, ihnen die Ausübung ihrer Religion und ihrer bedeutendsten Riten zu verbieten. Das haben die Griechen vor 2200 Jahren unter Androhung der Todesstrafe ebenso versucht wie wenige hundert Jahre später die Römer. Die Kommunisten haben es probiert und in der Nazizeit konnte das Zeichen im Fleisch eines Juden seinen Tod bedeuten.

Insofern ist die Aussage des Vorsitzenden der europäischen Rabbinerkonferenz, dass das Beschneidungsurteil der schwerste Angriff auf jüdisches Leben seit der Shoa sei, keineswegs überzogen. Was ist es denn sonst?

Natürlich ist es ein schwerer Angriff auf jüdisches Leben. Nur geht er diesmal nicht unmittelbar vom Staat aus, sondern von der Rechtsprechung und weiten Teilen der Bevölkerung. Es ist ein Angriff, der unter dem Deckmantel des angeblichen Kampfes für Menschenrechte etwas bewirkt, was jahrzehntelange Propaganda der rechten Parteien in Deutschland nicht mit solch einem durchschlagenden Erfolg haben erreichen können: Man hat auf einen Schlag alle Juden ins Zwielicht gerückt und kriminalisiert. Ein Eingriff, der weltweit vorgenommen wird und für den nicht nur Prominente, wie der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton oder der Microsoft-Gründer Bill Gates öffentlich eintreten, sondern den auch die Weltgesundheitsorganisation als Aidsvorsorge empfiehlt, da er das Risiko, sich beim Geschlechtsverkehr mit der Immunschwächekrankheit anzustecken erheblich reduziert, soll in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden? Soll dazu führen, dass Juden elementare Grundlagen ihrer Religion nicht mehr ausüben dürfen? Die Bundeskanzlerin hat treffend reagiert und verlautbaren lassen, Deutschland mache sich dadurch zur Komikernation. Wie Recht sie hat!

Doch dem Feldzug der Beschneidungsgegner, der von zwei Strafrechtsprofessoren auf der Suche nach 15 Minuten Ruhm angeführt wird, und der inzwischen eine ungesunde Mischung aus sachlich argumentierenden sowie fremdenfeindlichen und antisemitischen Köpfen vereint, wird es keinen Einhalt gebieten.

Sie haben ihre säkulare Ersatzreligion gefunden und kämpfen mit fundamentalistischem Eifer für ihre Position. Sie manipulieren, diffamieren und erklären uns Juden mit unfassbarer Arroganz und Überheblichkeit, wie wir unsere Religion zu praktizieren haben.

Sie behaupten, dass die Beschneidung dem Kindeswohl entgegenstünde und sie berufen sich darauf, dass die Beschneidung eine Körperverletzung darstelle.

Juristisch gesehen mögen sie damit auch Recht haben, da juristisch gesehen jeder Eingriff, der die körperliche Unversehrtheit beeinträchtigt, als Körperverletzung qualifiziert wird. Was wiederum bedeutet, dass auch jeder medizinisch motivierte Eingriff eines Arztes als Körperverletzung bewertet wird, unabhängig davon, ob der Arzt eine Spritze gibt oder eine lebensrettende Operation vornimmt.

Dennoch ist es unlauter, diese Begrifflichkeit garniert mit populistischen Worthülsen wie Misshandlung, Barbarei, Verstümmelung und Ähnlichem in die öffentliche Diskussion einzuführen, weil dadurch Bilder in den Köpfen der Menschen entstehen, die die Wirklichkeit verzerren und entstellen. So wird ein weltweit vorgenommener, unkomplizierter Schnitt zum Symbol von Demütigung, Gewalt, Kindesmisshandlung und lebenslangen Traumata.

Gerade mit Blick auf die zahlreichen positiven medizinischen Studien zu den Auswirkungen der Beschneidung und deren weltweiter Verbreitung sollte der Begriff der Körperverletzung in der öffentlichen Debatte vermieden werden, da er eine eindeutig negative und verurteilende Bewertung bereits in sich trägt und Rechtfertigung, Erklärung oder Verteidigung schon von vornherein ausschließt.

Diese Erwägungen sollten eigentlich auch eine Grundlage journalistischer Verantwortung sein, doch stattdessen tragen gerade viele Journalisten dazu bei, die Diskussion ständig zu verschärfen und eine sachliche Auseinandersetzung nahezu unmöglich zu machen.

Überhaupt fördert dieser Konflikt nicht nur massenhaft fremden- und religionsfeindliches, antisemitisches und radikales Gedankengut vor allem in den Meinungsforen der Internetausgaben namhafter Zeitungen zu Tage, sondern er wird auch zu einem Offenbarungseid für so manch einen Journalisten.

„Wenn G“tt die jüdischen Kinder ohne Vorhaut gewollt hätte, dann hätte er sie sicherlich so geschaffen“, liest man da. Und wenn G“tt alle Journalisten mit Verstand hätte ausstatten wollen, dann hätte er dies sicher auch getan, fällt mir dazu nur ein.

Doch der scheinheilige Autor befindet sich mit seiner Frage tatsächlich in unheiliger Tradition.

Denn schon der Talmud berichtet von einer Begebenheit, die sich im 2. Jahrhundert in Rom abgespielt hat: Der römische Stadthalter von Judäa, Turnus Rufus, forderte Rabbi Akiba, einen der großen Führer des jüdischen Volkes heraus, um mit ihm über die Beschneidung, die unter Griechen und Römern verboten war, zu diskutieren.

Turnus Rufus fragte Rabbi Akiba, welche Werke besser seien, diejenigen, welche G“tt geschaffen habe oder diejenigen, die der Mensch gemacht habe, worauf Rabbi Akiba antwortete, dass die Werke des Menschen besser seien. Turnus Rufus fragte nun, ob der Mensch etwas so fantastisches wie den Himmel und die Erde habe schaffen können und Rabbi Akiba erwiderte, dass er nicht über Dinge sprechen solle, die gänzlich außerhalb menschlicher Kontrolle lägen, wie etwa der Himmel. Der Römer wollte nun wissen, weshalb die Juden ihre männlichen Kinder beschnitten. Akiba lachte und meinte, dass er bereits gewusst habe, worauf Turnus Rufus mit seiner ersten Frage hinaus wollte, weswegen er auch geantwortet habe, dass die Werke des Menschen die Besseren seien.

Anschließend brachte der Rabbi ein Bündel Weizen und einen Kuchen und sprach: „Der Weizen ist von G“tt gemacht, der Kuchen dagegen vom Menschen. Ist der Kuchen nicht besser als der unbearbeitete Weizen?“. Doch der römische Statthalter gab nicht auf und fragte, warum das Baby, wenn G“tt die Beschneidung denn gewollt hätte, nicht schon beschnitten geboren werde.

Rabbi Akiba antwortete schließlich, dass G“tt uns die Gebote nicht ohne Grund gegeben habe, sondern um uns durch sie zu verbessern, weiter zu entwickeln und zu perfektionieren.

Diese Überlieferung zeigt uns einerseits, dass im Kampf gegen die Juden und ihre Identität die Beschneidung schon vor gut 1850 Jahren nicht nur mit Verboten und Strafen sondern auch ideologisch und intellektuell angegriffen wurde, andererseits lehrt sie uns einen Grund für die Gebote im Allgemeinen und das Gebot der Beschneidung im Besonderen.

Doch so sehr die Beschneidungsgegner auch kämpfen mögen und so viele Verbote sie auch erlassen werden: Wir werden dem Gebot der Beschneidung weiterhin folgen! So wie einst unser Stammvater Abraham. Und so wie alle Generationen nach ihm. Bis heute.

Denn für uns ist die Beschneidung mehr als nur ein veraltetes Ritual. Sie ist für uns ein elementares Zeichen unserer Zugehörigkeit. Ein Manifest unseres Glaubens. Die immer wiederkehrende Bestätigung unseres Bundes mit G“tt. Das Zeichen im Fleisch ist der Beginn des Weges, den ein jüdischer Mensch beschreitet. Und dieser Weg ist nicht immer leicht. Er ist gespickt von Widerständen und Hindernissen. Doch wir Juden wissen, dass es sich lohnt diesen Weg zu gehen. An unseren Aufgaben zu wachsen. Mit einem klaren Ziel vor Augen. G“tt dabei zu helfen, die Welt in der wir leben zu einem besseren, lebenswerteren Ort für alle Menschen zu machen.

Die Zeit wird über das Urteil und die Diskussion hinweggehen und Regierung und Bundesverfassungsgericht werden deutlich machen müssen, dass die grundgesetzlich verankerte Religionsfreiheit genauso wie das Grundgesetz als solches vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus entstanden und deshalb auch in diesem Licht zu begreifen sind.

Sie werden erklären müssen, dass die Schöpfer des Grundgesetzes gerade und besonders das Judentum in all seinen Facetten vorgefunden und für unbedingt schützenswert erachtet haben.

Dass für die Freiheit der Minderheit auch und gerade dann am stärksten gefochten werden muss, wenn die Mehrheit eine abweichende oder gegensätzliche Sichtweise hat.

Denn wahre Freiheit muss letztlich unter dem Ansturm der einschränkungswilligen Mehrheit verteidigt werden.

Und uns Juden wurde wieder einmal vor Augen geführt, wie schmal der gesellschaftliche Grad von Verständnis, Freiheit und Toleranz auf der einen Seite und Ablehnung, Diskriminierung und Feindseligkeit auf der anderen Seite ist. Die uns Juden in dieser Diskussion zugefügten Wunden werden sicher nicht so schnell heilen. Jedenfalls nicht so schnell, wie der bei der Brit Mila vorgenommene Schnitt bei einem 8 Tage alten Jungen.

Der Autor ist Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen

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