Tofu für Adam und Eva: Daniel Neumann über den Veggie Day

Ursprünglich war es G’ttes Wunsch, dass sich der Mensch fleischlos ernährt.

Abbildung Tofu für Adam und Eva: Daniel Neumann über den Veggie Day

Der Vorschlag der Grünen, einen sogenannten Veggie Day einzuführen – also bundesdeutschen Kantinen zu empfehlen, es einen Tag pro Woche doch einmal mit gänzlich fleischlosen Gerichten zu versuchen –, gilt vielen als der drohende Gipfel der sogenannten Bevormundungspolitik. Eine breite Mehrheit pocht auf ihre uneingeschränkten Freiheitsrechte und das angebliche Grundrecht auf unvernünftiges Verhalten. Zudem ist es doch überraschend, dass auch jüdische Stimmen im Chor der Empörten erklingen.

Dies tun sie allerdings nicht wegen des bei uns Juden häufig anzutreffenden »Daffke-Komplexes«, also dieser dem Untertanengeist diametral entgegengesetzten Geisteshaltung, die ein jedes Ge- oder Verbot, eine jede Vorschrift beinahe instinktiv mit exakt dem Gegenteil des geforderten Verhaltens beantwortet. Vielmehr entspringen sie wohl dem ungezügelten Freiheitstrieb und der Überzeugung, die Tora erhebe den Fleischgenuss zum Ideal.

Steak »G’tt liebt Steak« war etwa in dieser Zeitung zu lesen. Aber tut er das wirklich? Propagieren Judentum und Tora tatsächlich den ungehemmten Fleischgenuss, oder deuten unsere jüdischen Wertvorstellungen nicht vielmehr auf den Vegetarismus als Ideal hin? Fakt jedenfalls ist, dass das Judentum keine fleischlose Religion ist. Ganz im Gegenteil. Der Ewige erlaubte der Menschheit in Gestalt von Noach und seinen Söhnen nach der Sintflut ausdrücklich den Genuss von Tierfleisch.

Und auch im jüdischen Opferritus, der die Schlachtung von Tieren, die anschließend verbrannt wurden und deren Geruch von dem Ewigen als »Reijach Nichoach«, als angenehmer Wohlgeruch wahrgenommen wurde, vorsah, glauben manche, G’ttes Sehnsucht nach gebratenem Fleisch zu erkennen. Schließlich: Wer denkt bei klassischen jüdischen Gerichten nicht sofort an die traditionelle Hühnersuppe oder den Tscholent, einen fleischhaltigen Schabbat-Eintopf?

Und doch zeichnen G’tt, Tora und Judentum bei näherem Hinsehen ein ganz anderes Bild, wenn wir das eben Gesagte in einen größeren Rahmen einbetten und bereit sind, über den mit Fleischgerichten voll geladenen Tellerrand zu schauen. Dann nämlich erkennen wir, dass die g’ttliche Idealvorstellung der Vegetarismus ist.

Vegetarismus Die fleischlose Ernährung, also jene, die auf die Tötung von jeglichen Tieren zum Zweck der Nahrungsaufnahme verzichtet, war eben jene Wunschvorstellung, die G’tt Adam und Eva als Archetypen menschlicher Existenz mit auf den Weg gab. So heißt es im 1. Buch Mose 1,29: »Und G’tt sprach: Siehe, ich gebe euch alles samentragende Kraut, das auf der ganzen Erdoberfläche, und jeglichen Baum, an welchem samentragende Baumfrucht ist, sie seien euer zum Essen.«

Der Umstand, dass der Menschheit nach der Flut Fleischgenuss erlaubt worden ist, der zumindest im Judentum durch die umfangreichen Kaschrut-Gesetze und das strikte Verbot jeglichen Blutgenusses wiederum massiv eingeschränkt wurde, war hingegen lediglich eine vorübergehende Konzession an die ungebrochene Fleischeslust des Menschen und die vorangeschrittene Disharmonie zwischen Mensch und Tier. In der messianischen Zeit dagegen wird ganz im Sinne der Vision unserer Propheten das biblische Ideal wiederbelebt und der ursprüngliche, paradiesische Zustand des Einklangs von Mensch, Tier und Natur wiederhergestellt. Aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben. Auch nicht nach g’ttlichen Maßstäben.

Opferriten Und was ist mit den Opferriten und G’ttes angeblicher Vorliebe für den Wohlgeruch verbrannten Fleisches? Die Opfer waren, wie Maimonides erklärt, vor allem ein Zugeständnis an die Riten paganistischer Völker, die das Judentum nicht von heute auf morgen hat abschaffen können. Sie wurden quasi als g’ttlicher Kompromiss zwischen der Praxis der nichtjüdischen Umgebung und der Wahrung jüdischer Ideale massiv eingeschränkt und auf den Opferdienst im Tempel reduziert. Wenn schon opfern, dann nur an einem zentralen Ort und unter strengen Voraussetzungen. Und die Vorliebe für Wohlgerüche hegt G’tt laut der Tora mindestens ebenso sehr für diejenigen Opfer, die nicht aus Tieren bestanden, also etwa das Mincha-Opfer, das aus einer Mixtur von Öl und Mehl bereitet wurde.

Einmal ganz abgesehen davon, dass unter den Rabbinen weitgehende Einigkeit besteht, dass die Formulierung des »Reijach Nichoach« natürlich nicht wörtlich zu verstehen sei. Schließlich sprechen wir über den Genuss von Fleisch im Gegensatz etwa zu Brot, Wein, Obst oder Gemüse keinen speziellen Segensspruch, da wir nur für solche Nahrungsmittel mit einer eigenen Bracha danken, die uns nicht dazu zwingen, ein anderes Lebewesen zu töten.

Das Judentum ist beseelt von dem Gedanken des Tierschutzes, dem Respekt vor allen Geschöpfen G’ttes, der Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und unserer Umwelt sowie der Bereitschaft, sich durch freie Entscheidungen des Einzelnen den g’ttlich vorgegebenen Idealen zu nähern.

Idealfall Traditionelle Juden leben – zumindest im Idealfall – einen jeden Moment in diesem speziellen Bewusstsein. Sie haben gelernt, über das »Ich« hinauszublicken, den eigenen Bedürfnissen nicht unreflektiert und in jeder Situation nachzugeben, der Verantwortung vor G’tt, dem Mensch und der Welt den Vorzug vor ausgeprägtem Eigensinn zu geben.

Ist es tatsächlich zu viel verlangt, darüber wenigstens ab und an nachzudenken? Sollte der Veggie Day Wirklichkeit werden, dann bleibt den selbst ernannten Freiheitskämpfern ja immer noch der Weg zur nächsten (koscheren) Currywurstbude. Doch bei dem Widerstand, den wir derzeit erleben, wird das messianische Zeitalter noch vor der Einführung des Veggie Day kommen. Und dann werden sich manche wünschen, es gäbe nur einen fleischlosen Tag pro Woche.

Daniel Neumann
Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16851

  

(Bildquelle: Juedische-Allgemeine.de)

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