Antisemitismus mit neuem Gesicht

Gedenken an Pogromnacht in Darmstadt – Moritz Neumann vermisst couragiertes Einschreiten gegen antijüdische Hetze.

Abbildung Antisemitismus mit neuem Gesicht

Wehret den Anfängen – das war der Tenor der Reden gestern in der Synagoge anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht von 1938. Dass der Antisemitismus bedrohlich erstarkt sei, hätten die jüngsten Anti-Israel-Demonstrationen und Ausschreitungen gegen jüdische Menschen gezeigt.

In diesem Sommer sei viel geschehen, das die jüdische Existenz in diesem Land beeinträchtigt habe, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Moritz Neumann, bei der Gedenkstunde zur Erinnerung an die Pogromnacht und die Zerstörung der drei Darmstädter Synagogen am 9. November 1938. Er wollte zwar keine Vergleiche zwischen der staatlich gelenkten Judenverfolgung von 1938 und der „neuartigen Judenhatz“ in diesem Jahr – in Zusammenhang mit dem Krieg in Gaza – ziehen, „denn das hieße, das Verbrechen der Nazis aus ihrer Einzigartigkeit herauszulösen“, aber er forderte dazu auf, die Parallelen nicht kleinzureden.

Im Sommer habe sich eine Welle des Hasses über die Juden ergossen, es sei ein Déjà-vu von 1938 mit unterschiedlichen Protagonisten gewesen. Neumann stellte die Bilder von zerstörten Synagogen und Läden mit der Aufforderung „Kauft nicht bei Juden“ aus dem Jahr 1938 den Fotos von aktuellen Demonstrationen gegenüber mit Plakaten mit der Aufschrift „Tod den Juden“ oder „Juden ins Gas“. Neumann: „Was wäre es wohltuend gewesen, wenn ein Mutiger, zur Not ein Polizist, das Plakat abgerissen hätte und darauf herumgetrampelt wäre, um zum Ausdruck zu bringen, dass er nicht bereit ist, diese Grenzübertretung hinzunehmen.“

Ausdrücklich dankte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde dem Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch für dessen Rede auf dem Luisenplatz. Sie habe den jüdischen Menschen in dieser Stadt gut getan und ihre Herzen in Zeiten der Prüfung gewärmt.

Antisemitismus sei im Umkreis islamischer Fundamentalisten eine feste Größe, die Gewaltbereitschaft sei gestiegen, warnte Neumann. Zwar habe es in der Bundeshauptstadt eine prominent besetzte projüdische Demonstration unter dem Motto „Steh‘ auf, nie wieder Judenhass“ gegeben, doch sie habe einen Schönheitsfehler gehabt: Sie sei vom Zentralrat der Juden, also den Juden selbst, organisiert worden. „Wo aber war das Volk?“

Aus Umfragen gehe hervor, dass 20 Prozent der Deutschen, das sind 16 Millionen Menschen, Juden nicht sonderlich mögen. „Man muss uns ja nicht unbedingt mögen“, beteuerte Neumann, „aber es wäre schön, wenn man uns in Ruhe ließe.“ Leider werde auch in Moscheen in nicht zu vertretendem Maße gegen Juden gehetzt. Diese Hetze schlage auf der Straße in pure Gewalt um.

Den ausführlichen Artikel zur Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in Darmstadt finden Sie auf den Seiten von Echo-Online oder in unseremArchiv (PDF, 73KB).

  

(Bildquelle: Echo-Online.de)

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