Licht unter den Völkern: Daniel Neumann über Jüdische Ethik, die der Gesellschaft etwas zu sagen hat und nicht nur Privatsache ist

Wollen Sie eine noch so unverfängliche Plauderei, ein Tischgespräch oder eine Familienfeier nachhaltig trüben? Dann lenken Sie das Gespräch entweder auf Religion oder Politik. Kombinieren Sie diese beiden Themen gar, so üben Sie sich in der Königsdisziplin destruktiver Gesprächsführung.

Abbildung Licht unter den Völkern: Daniel Neumann über Jüdische Ethik, die der Gesellschaft etwas zu sagen hat und nicht nur Privatsache ist

Zwar existiert gewiss kein Diskussionsverbot, aber dennoch scheint die Atmosphäre in derartigen Debatten geradezu toxisch, wobei vor allem die Befürworter einer von Religion und ihren Einflüssen radikal befreiten Politik und Gesellschaft zusehends heftiger und kompromissloser in Erscheinung treten, wie uns zuletzt die Beschneidungsdebatte aus dem Jahr 2012 gelehrt hat. Dabei wird jede noch so geringe Verbindung von Politik und Religion als Angriff auf die Errungenschaften der Aufklärung und der heiß ersehnten restlosen Entflechtung von Staat und Kirche verstanden.

Öffentlichkeit Wie dem auch sei: Auch und gerade Juden selbst müssen sich immer wieder mit der schwierigen Frage auseinandersetzen, ob Religion denn nun reine Privatsache ist oder nicht. Gerade zu Chanukka ist das ein Thema, wenn es wieder einmal darum geht, das Lichterfest entweder draußen in aller Öffentlichkeit oder doch lieber drinnen in den eigenen vier Wänden zu feiern.

Doch im Gegensatz zu Atheisten oder Religionsgegnern, die meist klare und rigorose Ansichten in dieser Frage vertreten und sowohl eine strikte Trennung von Staat und Religion als auch eine Beschränkung von religiösem Bekenntnis und dessen Manifestation auf die Privatsphäre sehen wollen, fällt uns die Antwort oft um einiges schwerer.

Das hängt nicht nur damit zusammen, dass die Frage und ihre Auswirkungen für Politik, Gesellschaft und Kultur an sich zu komplex sind, um sie instinktiv und voreingenommen zu beantworten, sondern auch damit, dass Juden sich in einem starken ideologischen Spannungsverhältnis befinden. Denn einerseits haben sie im Laufe ihrer leidvollen Geschichte, die von Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung geprägt ist, immer wieder erfahren müssen, dass es keinen wirksameren Schutz für ihr Leben und Überleben gibt, als einen vitalen, weltanschaulich neutralen und auf den Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit etablierten Staat. Einen Staat, in dem weder eine Religion wie das mittelalterliche Christentum oder der moderne radikale Islam noch eine Ersatzideologie wie der Kommunismus oder der Faschismus an den Schalthebeln politischer Macht sitzen.

Alternativen Ein solches politisches Dach bietet zwar auch keinen allumfassenden Schutz, aber es ist immer noch die beste aller derzeit realisierbaren Alternativen. Nicht umsonst sprach der Prophet Jeremia bereits vor gut 2600 Jahren, nachdem die Juden ins babylonische Exil verschleppt wurden: »Suchet der Stadt Bestes ... und betet für sie zu G’tt, denn wenn es ihr wohl ergeht, so geht es auch euch gut« (Jeremia 29,7). Andererseits hat gerade das jüdische Volk eine umfassende Moral, darauf beruhende Werte und eine handlungsbasierte Ethik verinnerlicht, die es ihm nahezu unmöglich machen, sich der aktiven Gestaltung von Politik und Gesellschaft zu enthalten.

Deswegen eifern Juden dem biblischen Auftrag, nach Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden zu streben, ganz im Sinne des Erfinders nach. Und so wie einst Abraham, Moses oder Jeremia mit G’tt um Gerechtigkeit rangen, engagiert sich das Judentum seither für die Unterstützung der Benachteiligten, bessere Lebensumstände und eine gerechte Gesellschaft. Außerdem hat es sich den biblischen Imperativ eingeprägt, ein Licht unter den Völkern zu sein und als Partner G’ttes an der Verbesserung der Welt mitzuarbeiten – Tikkun Olam.

Obwohl: Wenn man ehrlich ist, muss man eigentlich gestehen, dass die jüdische Welt heute mehr Chancen auslässt, als sie nutzt, um ihren eigenen Idealen gerecht zu werden. Es scheint beinahe so, als habe der Überbringer der Nachricht die zu überbringende Nachricht vergessen.

Ideen Nachdem das Judentum der Welt universale Ideen wie die Würde des Menschen, die Heiligkeit des Lebens, die Gleichheit aller Menschen, den Schutz von sozial Benachteiligten, das Streben nach Freiheit oder das Ideal des Friedens geschenkt hat und zwei weitere Weltreligionen gebar, glaubt offenbar so mancher, sich auf dem religiösen Altenteil ausruhen zu können. Und da kommen ihm die Verfechter der Idee, dass Religion Privatsache sei, gerade recht. Doch schon ein flüchtiger Blick auf unsere Gesellschaft reicht aus, um festzustellen, dass noch viel Arbeit zu erledigen ist. Und zwar nicht nur im Privaten!

Deshalb ist es, beginnend im Mikrokosmos der eigenen Familie, aber nicht im Mindesten durch diesen begrenzt, höchste Zeit, sich die Grundlagen jüdischer Ethik wieder zu vergegenwärtigen und dem Ruf zu folgen, der seit Jahrtausenden nachhallt: als Partner G’ttes an der Verbesserung der Welt mitzuwirken. Dabei geht es nicht darum, der Gesellschaft eine religiöse Doktrin oder Lebensweise aufzuzwingen, wie mitunter halluziniert wird, sondern darum, die positive, inspirierende und verbindende Wirkung der jüdischen Ideale zu reanimieren und zum Wohle aller zu nutzen.

Die Einmischung in gesellschaftliche und politische Prozesse ist dabei genauso notwendig wie die Schaffung eines Bewusstseins, dessen Kern die Wiederentdeckung von Werten wie Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Fairness ist. Und wer will uns davon schon abhalten?

Daniel Neumann
Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21031

  

(Bildquelle: Juedische-Allgemeine.de)

Zur Übersicht