Exodus – das Original: Daniel Neumann über Moses, den Held vieler Filme. Doch nur die Tora eröffnet den wahren Blick auf seine Tugenden und Schwächen

»Kinder brauchen Helden« heißt es oft, wenn es darum geht zu erklären, weshalb es für Heranwachsende so wichtig ist, Identifikationsfiguren zu haben, die klare Vorstellungen von Gerechtigkeit, Anstand und Solidarität vermitteln.

Abbildung Exodus – das Original: Daniel Neumann über Moses, den Held vieler Filme. Doch nur die Tora eröffnet den wahren Blick auf seine Tugenden und Schwächen

Dabei spielte es mit einem Blick auf die Menschheitsgeschichte meist keine Rolle, ob die Helden, die zu Vorbildern erhoben wurden, nun tatsächlich gelebt haben oder nicht. Und so gab es im Lauf der Jahrtausende die unterschiedlichsten Heldentypen, seien es nun die in der Mythologie der Antike oft als die Abkömmlinge von diversen Göttern porträtierten Hauptfiguren, seien es die mittelalterlichen Ritter, die erfolgreich aus unzähligen Turnieren und Eroberungen hervorgingen, oder die zeitgenössischen Protagonisten unzähliger Comics, Verfilmungen oder Videospiele.

Charlton Heston Auch biblische Berühmtheiten fanden sich gelegentlich in dieser Aufzählung wieder. Und manch einer gelang durch die ein oder andere Verfilmung sogar der Sprung auf die große Leinwand. Einer, dem diese Ehre durch etliche filmische Adaptionen von unterschiedlicher Qualität zuteil wurde, war Moses. Wer erinnert sich nicht an einen der größten Monumentalfilme des vorigen Jahrhunderts, in dem Charlton Heston den Moses in Cecille B. DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote mimte?

Angesichts der schwankenden Qualität der Streifen und der gelegentlich sehr freien Interpretation des biblischen Stoffes bleibt bei der Suche nach dem realen Vorbild allerdings oft nur der Griff zum Original. Denn dort offenbart sich uns die wahre und authentische Natur des biblischen Moses.

Und nur dort eröffnet sich der Blick auf die Tugenden und Ideale, ebenso aber auch auf die Schwächen und Schattenseiten, die Moses zu einem besonderen Heldentyp machten. Einem jüdischen Helden. Einem, der die Eigenschaften von Held und Antiheld in einer Person vereinte. Doch wer war Moses? Und was erzählt die Tora über ihn?

Führer Moses, der in die Epoche jüdischer Sklaverei in Ägypten hineingeboren wurde und den Pharaos Tochter als Baby wie durch ein Wunder vor dem sicheren Tod rettete, wuchs unter Ägyptern auf und wandelte sich vom ägyptischen Prinzen zum Führer der Israeliten.

Er war es, den G’tt als seinen Botschafter erwählte und der die Hebräer auf G’ttes Geheiß aus der Sklaverei in Ägypten befreite. Er führte sie zum Berg Sinai, wo G’tt sich dem gesamten Volk offenbarte und brachte ihnen die Bundestafeln mit den sogenannten Zehn Geboten vom Berg Sinai herab. Er führte das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste und bereitete sie auf den Einzug ins verheißene Land vor. Er ist neben G’tt wohl der Hauptprotagonist der fünf Bücher Moses, wie die Tora auch genannt wird.

Prophet Aber was machte Moses so besonders? Der zionistische Journalist Achad Ha’am stellte in seinem 1904 erschienen Essay mit dem Titel Moses eben diese Frage und bemerkte, dass Moses jedenfalls weder Kriegsheld noch Staatsmann oder Gesetzgeber im klassischen Sinne gewesen sei. Stattdessen sei Moses ein Prophet gewesen, und zwar der Inbegriff des klassischen hebräischen Propheten.

Um zu verstehen, was Moses nun so besonders machte, dass die gesamte Tora seinen Namen trägt, G’tt ausgerechnet ihn für seine große Mission auswählte und er die führende Rolle im biblischen Narrativ der letzten vier Bücher der Tora spielt, ist ein genauerer Blick auf manches Ereignis nötig, das ein wenig Licht auf unsere Hauptfigur wirft.

Dornbusch Bereits seine Berufung zum Propheten ging nicht ganz komplikationslos von statten: Während Moses die Schafherde seines Schwiegervaters Jitro in der Wüste hütete, erschien ihm der Ewige in Gestalt eines brennenden Dornbuschs, der zwar brannte, aber nicht verbrannte, und offenbarte ihm seine Bestimmung.

Doch anstelle einer begeisterten Zusage, die man hätte erwarten können, wenn G’tt sich in solch dramatischer Weise offenbart und einen Menschen zu seinem Kompagnon kürt, wehrte Moses zunächst ab: »Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten befreien soll?«.

Und das war erst der Anfang! Insgesamt fünf Versuche unternahm Moses, um G’tt davon zu überzeugen, doch einen mutigeren, beredteren, charismatischeren Mann für diese Aufgabe auszuwählen. Doch je energischer Moses widersprach, desto stärker insistierte G’tt. Und wie nicht anders zu erwarten, gab Moses schließlich nach und übernahm die historische Mission. Die Bescheidenheit, die Demut und die Zurückhaltung, die sich in dieser Begegnung offenbarten, sind wegweisend und lassen erahnen, mit welch einem Menschen wir es zu tun haben.

Unterdrückung Noch deutlicher wird es, wenn man sich drei Ereignisse vergegenwärtigt, die von den damals alltäglichen Ungerechtigkeiten erzählen, denen Moses sich ausgesetzt sah. In dem Moment, in dem Moses – gut behütet als Prinz am Hof des Pharao aufgewachsen – erstmals mit der Härte des Lebens der hebräischen Sklaven und den Ungerechtigkeiten, unter denen sie zu leiden hatten, konfrontiert wurde, zögerte er nicht, sich auf die Seite der Unterdrückten zu schlagen.

Er beobachtete einen ägyptischen Aufseher, der einen hebräischen Sklaven schlug und erhob sich, den Sklaven zu verteidigen und den Ägypter zu töten. Schon dieses damals allgegenwärtige Erlebnis, die Unterdrückung des Schwachen durch den Starken, die Beugung der Gerechtigkeit durch die Herrschenden, rief unbedingte Hilfsbereitschaft hervor.

Gerechtigkeitssinn
Schon am nächsten Tag wurde er Zeuge eines Streits zwischen zwei Hebräern. Und wieder gebot ihm sein Gerechtigkeitssinn sofortiges Handeln, weshalb er versuchte, den Streit zu schlichten.

Einige Zeit später, nachdem er aus Ägypten geflohen war und nach Midian kam, musste er erleben, wie Schafhirten auf den Rechten junger Frauen herumtrampelten, die ihre Herde tränken wollten. Sie bedrängten und misshandelten die hilflosen Frauen, was Moses zum sofortigen Eingreifen und zu ihrer Verteidigung veranlasste.

Rabbi Joseph Telushkin schrieb in seinem Buch Jewish Literacy: »Alle diese Vorfälle stehen natürlich in einem Zusammenhang: In allen drei Fällen offenbarte Moses ein tiefes, beinahe obsessives Bekenntnis, die Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Dabei sind seine Anliegen und Sorgen allerdings nicht auf seine eigenen Landsleute beschränkt. Er greift sowohl ein, wenn ein Nichtjude einen Juden drangsaliert, als auch in dem Moment, in dem zwei Juden streiten, und ebenso, wenn Nichtjuden andere Nichtjuden unterdrücken.«

Ideale Und Achad Ha’am erkennt in all diesen Ereignissen die wahre Natur des Propheten: Einen Mann der Wahrheit, der Aufrichtigkeit und der Gerechtigkeit, der alles andere seinen Idealen unterordnet. Einen Mann, der sofort zur Hilfe eilt, wenn er den Schrei von Ungerechtigkeit hört. Einen Mann, der keine Unterscheidung zwischen Menschen vornimmt, sondern nur zwischen richtig und falsch unterscheidet.

Denn schließlich könne ein Mann der Wahrheit gar nicht anders, als gleichzeitig ein Mann des Rechts zu sein, denn was ist Gerechtigkeit anderes als Handeln in Wahrheit?

Volk Und noch etwas zeichnet Moses aus: Die väterliche Liebe und Verantwortung für sein Volk, die Kinder Israels. Und das trotz aller Fehltritte, trotz aller Klagen, trotz aller Schwächen der Israeliten. So musste er, just nachdem sich G’tt dem Volk am Berg Sinai offenbart hatte und er nach 40 Tagen die Tafeln des Bundes herabtrug, mit ansehen, wie die Hebräer ein rauschendes Fest feierten und ein goldenes Kalb verehrten, dass sie kurz zuvor hergestellt hatten.

Und obwohl ihn in diesem Moment eine verzweifelte Wut über die Verfehlung des Volkes überkam und er die Gesetzestafeln zerschlug, entzog er seinen Schützlingen das Vertrauen nicht und stand fest zu der früher übernommenen Verantwortung.

Auch im Moment tiefer Demütigung und Verzweiflung wandte er sich nicht gegen sein Volk. Ja selbst als G’tt nach diesem tiefen Fall ankündigte, das ganze Volk Israel vernichten und eine neue Nation aus Moses entstehen lassen zu wollen, erwiderte Moses, dass er dann auch ihn selbst auslöschen solle. Er haderte lange mit G’tt und brachte ihn schließlich von seinem Vorhaben ab, indem er sein Schicksal unauflösbar mit dem seines Volkes verknüpfte.

Demut Im Gegensatz zu den zahlreichen antiken, mittelalterlichen und zeitgenössischen Helden, die durch athletische Körper, eisernen Willen auf dem Schlachtfeld, perfekte Beherrschung von Kampftechniken oder übermenschliche Kräfte glänzen, zeichnet die Tora von Moses ein ganz anderes Bild: Eines von tiefer Demut, großer Barmherzigkeit und einem unbeugbaren Gerechtigkeitswillen, ohne aber die Momente des Jähzorns, der Furcht und des Zweifels zu kaschieren.

Seine Stärken sind nicht Schönheit, körperliche Kraft oder besondere rhetorische Fähigkeiten, sondern Aufrichtigkeit, Loyalität und Gerechtigkeitssinn. Er ist kein Haudegen, kein Frauenschwarm und kein Star, sondern ein einfacher Mann, mit Stärken und Schwächen, der mit und für seine Ideale lebt und für seine Vision stirbt. Ungebrochen und in dem tiefen Vertrauen, dass ihm Generationen nachfolgen werden, die seinen Traum, seine Vision und seine Ideale nicht verklingen lassen und seine Mission zu Ende führen.

Kino Ridley Scott, einer der größten Regisseure unserer Zeit, hat nun nach jahrelanger Vorbereitung die Geschichte von Moses und den Auszug aus Ägypten neu verfilmt. Exodus läuft in dieser Woche in den deutschen Kinos an. Hoffen wir, dass er bei dem Porträt seiner Hauptfigur eng am Original geblieben ist.

Denn die Tugenden, die Ideale, aber ebenso die Schwächen, die der jüdische Held und Antiheld verkörpert, sind universell und waren vor 3400 Jahren mindestens genauso essentiell wie heute. Und zwar nicht nur für Kinder.

Daniel Neumann
Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21049

  

(Bildquelle: Juedische-Allgemeine.de)

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