Moritz Neumann: „Nichts gefallen lassen!“

Die meisten kennen ihn als hochdekorierten Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Darmstadt. Doch Moritz Neumann ist viel mehr als das. Besuch bei einem, der wie ein Fremdenlegionär fluchen und mit seiner Klezmer-Musik das Publikum zum Toben bringen kann.

Abbildung Moritz Neumann: „Nichts gefallen lassen!“

Eine seiner ersten Reportagen beginnt auf einer klatschnassen Luftmatratze im Matsch der Bayerischen Rhön. Moritz Neumann, gerade Anfang 20 und Volontär bei der Volkszeitung Fulda, liegt in einem stockdusteren Mannschaftzelt voller US-Soldaten. „Hey Leute, ich komme von der Zeitung und will einen Bericht über Euer Herbstmanöver schreiben. Könnt Ihr mir was über die Army erzählen?“ „Oh fuck!“, zischt es aus allen Ecken. „Fuck the army!“

„Ich wollte immer Reporter werden“

Neumanns dunkle Augen leuchten. Er erinnert sich gern an diese spannende Zeit Ende der 60er Jahre. „Ich wollte immer Reporter werden.“ Das wurde er auch. Doch dabei blieb es nicht. Dabei wäre er fast an seinem jugendlichen Ungestüm gescheitert. Als er eine seltsame Baustelle im Fuldaer Wald entdeckt und dabei auf eine streng geheim gehaltene Raketen-Abschussbasis der Amerikaner stößt, landet er fast im Gefängnis. Kaum bekommt das Verteidigungsministerium Wind von der Sache, wird Neumann auch schon kalt gestellt. „Zu seiner eigenen Sicherheit“, heißt es. Immerhin geht es um Landesverrat. Die Reportage wäre etwas für den „Stern“ oder „Spiegel“ gewesen, gedruckt wurde sie nie.

Vor dem jungen Journalisten lag eine Zukunft in den unterschiedlichsten Rollen. Hinter ihm lag die tragische und traurige Geschichte des verfolgten jüdischen Volkes. Auch seine Eltern waren Opfer des Nazi-Regimes, als Einzige ihrer Familien haben sie den Holocaust überlebt. In Fulda haben sie einen Neuanfang gewagt, Moritz (Jahrgang 1948) ist der einzige Sohn.

Jiddisch spricht zuhause niemand bei den Neumanns. Und doch ist die Sprache präsent. Sie taucht immer dann auf, wenn KZ-Überlebende ins Haus kommen und sich Mutters legendäre Hühnersuppe schmecken lassen. Der kleine Moritz sítzt noch auf dem Töpfchen, lauscht den fremden Klängen und speichert sie ab. Erst viele Jahre später wird er sie selbst aktiv nutzen – als Mitglied der Jiddischen Band „Oif Simches“, die ihre Premiere im Staatstheater Darmstadt feiert und im „Halbneun-Theater“ derart für Furore sorgt, dass das Haus restlos ausverkauft ist. „Die Leute standen bis draußen Schlange“, erinnert sich der begnadete Akkordeon­spieler, „unglaublich!“. Es ist der Beginn der  Klezmer-Zeit und des „Zupfgeigenhansels“. Auch „Oif Simches“ bringt eine Platte heraus.

„Fürs Darmstädter Tagblatt habe ich auch mal gearbeitet. Zehn Jahre lang.“ Davor hatte er eine Stelle in Offenbach und eine bei der Frankfurter Rundschau. „Die brauchten einen Korrespondenten für Südhessen“, erzählt er. „Mit Sitz in Darmstadt.“ Er hatte die Stadt als Wintermärchen kennengelernt: tief verschneit, der Luisenplatz damals noch eine große Wiese, umstanden von Kandelabern. „Ich fand das romantisch“. So kam er 1970 – und blieb. Nach dem „Tagblatt“ lockte 1983 das „Echo“ mit der Idee, er solle ein Fernsehstudio für die Zeitung auf die Beine stellen. „Das war die Pionierzeit des Privatfernsehens.“

Jeder wollte damals die Nase vorn haben, keiner wusste, wie sich das Medium entwickeln würde. Letztlich scheiterte das Projekt in Darmstadt an zu hohen Kosten. Fernsehen und Rundfunk hat Neumann trotzdem gemacht. Bis heute ist er als Sprecher, Moderator, Kommentator aktiv.

Im Zweifel nach Deutschland

„Lass Dir nichts gefallen, sag immer Deine Meinung!“ Diesen Satz hat der Vater ihm eingeimpft und Neumann hat ihn beherzigt, bis heute. Er hat seinem Vater ein Denkmal gesetzt und seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Wie dieser erst im Spanischen Bürgerkrieg, dann in der französischen Fremdenlegion kämpfte, mit anderen geflohenen Juden in Pétains Straflager geriet und letztlich von de Gaulles Exil­armee befreit wurde. Die Militärakte des Vaters wird zur Leitlinie für Neumanns Roman „Im Zweifel nach Deutschland“. Das Buch führte dazu, dass dem jüdischen Widerstandskämpfer posthum drei wichtige französische Orden verliehen wurden. „Darüber hätte er sich sehr gefreut“, sagt Neumann. Und überhaupt: Der Vater hat Frankreich geliebt, oft französisch mit dem Sohn gesprochen und ihm von einschlägigen Schimpfwörtern bis hin zu erfolgreichem Flirten alles Wichtige beigebracht. „Schließlich war er ja in der Fremdenlegion.“

Den ausführlichen Artikel über Moritz Neumann finden Sie auf den Seiten des Darmstädter Tageblatt.

  

(Bildquelle: Darmstädter-Tageblatt.de)

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