Freund, Ratgeber, Visionär: Abschied von Moritz Neumann

Es war ein würdiger Abschied ohne Pomp, ohne Blumen, ohne Reden von Funktionsträgern. Moritz Neumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt sowie des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen und ehemaliges Darmstädter Magistratsmitglied, wurde am Freitag auf dem jüdischen Friedhof in Darmstadt zu Grabe getragen.

Abbildung Freund, Ratgeber, Visionär: Abschied von Moritz Neumann

Der Achtundsechzigjährige war in der Nacht zum 23. Juni an den Folgen einer Herzkrankheit gestorben.

Die kleine Trauerhalle war bald überfüllt, denn der frühere Journalist und Reporter hatte einen großen Freundeskreis. Viele waren von seiner aufrichtigen Art und dem Mut beeindruckt, mit dem er unbequeme Wahrheiten, etwa über Faschismus und Rechtsradikalismus, aussprach. Er galt als „Stimme des Gewissens“.

Für Inge Nahmany vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Darmstadt war Moritz Neumann „unser Freund, Weggefährte und unser Vorbild“. Er habe sich für die Darmstädter Gemeinde und ihre Mitglieder mit viel Energie und beispielhaftem Engagement eingesetzt.

Weil sich Mark Dainow, stellvertretendes Vorstandsmitglied des Landesverbandes, gerade in Amerika aufhält, war er nur mit einer Grußbotschaft vertreten. Mit Moritz Neumann habe man reden, streiten und lachen können, schrieb er. Er schätzte seine Erfahrung und sein Gespür für das gesellschaftliche Klima. Für ihn sei er ein unentbehrlicher Ratgeber gewesen.

Mit großem Charakter

Als „unser Moses“, einen Mann mit großem Charakter und Visionär, bezeichnete Rabbiner Mendel Gurewitch (Offenbach) den Verstorbenen. Neumann habe seine Meinung und die Traditionen des Judentums mutig und in der richtigen Form vertreten. Weil er in den Kindern die Zukunft sah, habe er sich besonders für Projekte eingesetzt, die der nächsten Generation nutzen. Trotz seiner vielen Qualitäten, Ämter und Funktionen sei Neumann immer ansprechbar und verlässlich gewesen: ein Freund, dem man sich anvertrauen konnte. Neumanns Frau, seinen Kindern und Enkelkindern galt Gurewitchs Mitgefühl.

Mit Moritz Neumann hat Alfred Jacoby, Architekt der Darmstädter Synagoge und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Offenbach, seinen ältesten Freund verloren. Im Alter von fünf Jahren lernte er ihn 1956 in Offenbach kennen und erinnert sich, dass ihm der damals achtjährige Moritz wegen seines dunklen Lockenkopfs und der kurzen Hose aufgefallen war. Er wurde sein Spielgefährte und sein Freund fürs Leben.

Jede Kerze brenne innerhalb einer bestimmten Zeit ab. Nur Erinnerungskerzen überdauerten die Zeit, sagte Jacoby. Eine davon sei der Ratschlag von Vater Hans Neumann an seinen Sohn gewesen, sich nichts gefallen zu lassen und seine Meinung zu sagen. Diesem Leitsatz des Vaters sei Moritz in Wort und Schrift gefolgt.

Beide Eltern hatten den Holocaust erlebt und sich nach dem Krieg in Fulda kennengelernt. Das Leben seines Vaters hat Moritz Neumann in seinem Buch „Im Zweifel für Deutschland“ reflektiert. Jacoby schilderte aber auch eine andere Seite des Journalisten und geliebten Familienvaters: seine Freude am Leben, seine positive Einstellung und sein musikalisches Talent.

Kurz vor dem Tod des Großvaters hatte Neumanns fünfjährige Enkelin noch mit ihm am Telefon gesprochen. Sie wusste, dass sie ihn nicht wiedersehen würde. „Opa, ich wollte mich bei dir bedanken. Es war schön mit dir.“ Diesen Worten, meinte Jacoby bewegt, sei nichts mehr hinzuzufügen.

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/freund-ratgeber-visionaer_17022590.htm

  

(Bildquelle: Echo-Online.de)

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