Daniel Neumann, der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt: „Wir igeln uns nicht freiwillig ein“

Ach, Sie sind Jude? Da staunte Daniel Neumanns Friseurin. Aber er rieche ja gar nicht nach Knoblauch... Neumann erzählt die Anekdote in amüsiertem Tonfall und mit breitem Grinsen.

Abbildung Daniel Neumann, der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt: „Wir igeln uns nicht freiwillig ein“

Ein anderes Mal fragte man ihn, ob es eigentlich immer noch so sei, dass Juden keine Steuern zahlten? Selbst gute Freunde überraschten ihn mit derartigen Vorurteilen. „Da kann die Freundschaft schon mal eine Delle bekommen“, sagt er nachdenklich. Dann muss er doch wieder schmunzeln über die Absurditäten des Alltags.

Mit Klischees, Judenwitzen und Anfeindungen ist Neumann, gebürtiger Südhesse, aufgewachsen. Und ist fest entschlossen, dennoch zu bleiben. Jetzt will der Rechtsanwalt als neuer Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt einiges tun, um jüdische Religion, Werte und Lebensart stärker in die Stadt zu tragen – und die Klischees zu übermalen.

Neumann (43), vierfacher Familienvater und Sohn des langjährigen Gemeindevorstehers Moritz Neumann, hat – wie viele Juden in Deutschland – das Gefühl des Andersseins von klein auf erlebt. Am Ludwig-Georgs-Gymnasium, dann auf der Bertolt-Brecht-Schule hörte er Judenwitze, „aber keine über Christen“. Wenn er mit der Familie Pessach feiern wollte, musste er in der Schule eine Freistellung erbitten.

So sind in Deutschland nur Gefängnisse gesichert

Wenn er heute in sein Büro in der Synagoge geht, in einer Seitenstraße der Darmstädter Innenstadt, muss er ein stählernes Tor passieren, Teil eines massiven Metallzauns, das den gesamten Bau umgibt. So sind in Deutschland sonst nur Gefängnisse gesichert. „Wir igeln uns nicht freiwillig ein“, sagt Neumann. „Wir tun das auf Anraten der Sicherheitsbehörden.“

Zäune wie dieser, die freilich auch in Frankfurt, Berlin und anderen Städten vor jüdischen Zentren und Synagogen stehen, seien halt „immer noch“ eine Notwendigkeit – ebenso wie Polizei-Patrouillen. In Darmstadt „kann ich als Jude gut leben“, sagt er, „aber nicht unbedarft und sorgenfrei“. Eine „latente Gefahr“ spüre er immer. Freiheit, sagt er, „braucht Sicherheit“.

Sich oder seine jüdische Herkunft hinter einem Zaun zu verstecken, das ist nicht Neumanns Naturell. Als „Berufsjude“ bezeichnet er sich: Arbeitet im Landesverband in Frankfurt, schlichtet als Richter beim Zentralrat der Juden Streitigkeiten zwischen Mitgliedern, wirkt als Vorbeter in den Gottesdiensten. Im Alltag aber sucht er immer wieder Kompromisse zwischen dem, was die 613 göttlichen Gebote vorschreiben, und dem, was er praktisch umsetzen kann und will. „Ich bin ein religiöser Jude, aber kein frommer Jude“, betont er. Zum Beispiel: Koscher essen in einem gewöhnlichen Lokal – „das können Sie doch gar nicht“. Als Vegetarier ist er zwar fein raus, was die Vorschriften zum Fleischverzehr betrifft. Aber er fragt auch nicht beim Kellner nach, ob vielleicht unlängst ein gebratenes Schwein oder Krustentier auf seinem Teller serviert wurde – „Hauptsache der Teller wurde gespült.“

Neumann ist Pragmatiker und Genussmensch: „Ich esse gern“, sagt er auf die Frage nach seinen Hobbys. Gut, dann widmet er sich in der Freizeit auch noch dem Tora-Studium. „15 Stunden pro Woche“ – die Kommentare und Auslegungen der Schrift faszinieren den Rechtswissenschaftler ohne Ende. Eine gute Basis für die „Streitkultur“, die er auch in Darmstadt weiter kultivieren möchte.

Nach der Kritik an Kollegah hagelte es Schmähungen

Wobei: Es kommt schon auf den Tonfall an. Er beklagt eine „Verrohung der Sprache“; die Hemmschwelle für Grobheiten sei „deutlich gesunken“. Als sich der Landesverband gegen den Auftritt des Rappers Kollegah am Hessentag in Rüsselsheim aussprach, gegen dessen „schwulen- und frauenfeindlichen und auch antisemitischen“ Tiraden, kam über die sozialen Netzwerke eine Flut von Beschimpfungen zurück – auch gegen Neumann persönlich. Einige äußerten sich mit Klarnamen; eine neue Qualität, sagt Neumann: „Die sind offenbar der Annahme, dass sie sich in guter Gesellschaft befinden.“

Dass ein Miteinander auch anders funktionieren kann, will der neue Kopf der Darmstädter Gemeinde in Zukunft bei öffentlichen Veranstaltungen beweisen. Zu Konzerten, Lesungen, Koscher-Kochkursen will er einladen, auch zu Diskussionen über religiöse Texte – nicht nur in der eingezäunten Synagoge, sondern an vielen Orten in der Stadt.

Daniel Neumanns Großvater Hans schrieb 1948 in einem Brief: „Das kann niemand seiner ermordeten Familie antun, dass er in diesem Land wieder Kinder in die Welt setzt.“ Der Enkel tut es dennoch. Unlängst ist Neumann zum vierten Mal Vater geworden. Es nicht zu tun, sagt er, „dafür bin ich zu hoffnungsvoll“. Die positiven Beispiele von Mitbürgern im Alltag „tragen einen“. Ob er sich vorstellen kann, dass seine Kinder einmal in eine Synagoge ohne Sicherheitszaun gehen können? Neumann überlegt kurz, dann sagt er: „eigentlich nicht.“

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/daniel-neumann-der-neue-vorsitzende-der-juedischen-gemeinde-darmstadt-wir-igeln-uns-nicht-freiwillig-ein_17750507.htm

  

(Bildquelle: Echo-Online.de)

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