Israel, Palästina & Trump: Interview mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde Gießen

Nach vormals unterstützenden Worten ruft Trump nun Israel zur Zurückhaltung beim Siedlungsbau auf. Was also ist in Israel vom neuen starken Mann im Weißen Haus zu erwarten? Und wie werden sich die neuerlichen Siedlungen auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auswirken? Darüber und noch mehr sprach der Anzeiger mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Gießen, Dow Aviv, und dessen Vorgänger Dr. Gabriel Nick.

Abbildung Israel, Palästina & Trump: Interview mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde Gießen

Herr Aviv, Dr. Nick, wird Israel von einem US-Präsidenten Donald Trump profitieren, zumindest mehr als das unter Barack Obama der Fall war?

Nick: Die Wahl Trumps könnte für Israel positiv sein. Um eine endgültige Antwort geben zu können, muss man aber noch abwarten. Mindestens drei Monate. Ich persönlich halte von Trump nicht viel, aber er hat gesagt, dass er mit Israel intensiv zusammenarbeiten möchte. Außerdem kann ihm Israel beim Kampf gegen islamistische Terroristen viel helfen.

Aviv: Das muss man noch abwarten. Was man bisher über Trump hört, ist es schwierig, eine Prognose abzugeben. Netanjahu jedenfalls schien sich über seine bisherige Haltung zu Israel zu freuen. Außerdem ist die Tochter Trumps mit einem Juden verheiratet, der gleichzeitig Berater des US-Präsidenten ist.

Was halten Sie von den Plänen Trumps, die US-Botschaft von Tel-Aviv nach Jerusalem zu verlegen?

Aviv: Jerusalem ist die wahre Hauptstadt Israels, daher begrüße ich dieses Vorhaben. Ich glaube es aber erst, wenn es geschehen ist.

Nick: Auch ich fände eine Verlegung sehr gut.

Wie denken Sie über die bisherige und aktuelle Siedlungspolitik Israels?

Aviv: Es ist eine schwierige Situation. Allerdings wird in den Medienberichten nirgendwo erwähnt, dass viele angeblich illegale Siedlungen Israels im Westjordanland in Wahrheit völlig legal sind. Schon 1920 nämlich, als dieses Gebiet noch unter britischer Herrschaft stand, wurde Juden das Recht eingeräumt, sich dort anzusiedeln. Im Übrigen halte ich die Siedlungen, falls es wieder zu Friedensverhandlungen kommt, nicht für das große Problem.

Nick: Die neuen Siedlungen und rückwärtigen Genehmigungen sind zwar diplomatisch ungeschickt, aber rechtlich korrekt. Denn die Geschichte Israels fängt nicht erst 1967 an (im damaligen Sechstagekrieg hatte Israel nach Provokationen durch Nachbarstaaten unter anderem Westjordanland und Ost-Jerusalem eingenommen, Anm. d. Red.)

Halten Sie die internationale Kritik von Regierungen wie auch den Medien an der Siedlungspolitik für gerechtfertigt?

Aviv: Nein, absolut nicht. Denn es werden immer wieder Fakten verschwiegen, nicht richtig recherchiert oder sind gar nicht erst bekannt. Und von den meisten wird Israel die Hauptschuld am Konflikt gegeben. Wenn Kritik geäußert wird, muss diese fundiert sein, was aber nur selten der Fall ist.

Nick: Auch Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier trauen sich kaum einmal, etwas gegen die Palästinenser zu sagen. Dabei ist der Islam eine sehr aggressive Religion. Und der Islam gehört auch nicht zu Deutschland, wie viele behaupten. Was die internationalen Medien angeht, vermute ich, dass hier unter anderem viele Saudis dahinterstecken und das Interesse vor allem darin besteht, die Anerkennung des Staates Israel zu verhindern.

Aviv: Ich zweifle nicht an der Freundschaft der deutschen Regierung zu Israel. Allerdings darf das niemanden daran hindern, die Wahrheit über die Palästinenser auszusprechen. Auch die Diplomatie, nicht alle Türen für einen Friedensprozess zuschlagen zu wollen, dürfte hier eine Rolle spielen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Sicherheitslage in Israel?

Aviv: Da ich zwei- bis dreimal im Jahr dort bin, kann ich bestätigen, dass die Lage stabil ist. Die Gefahr von Anschlägen und Attacken Einzelner ist aber weiterhin da. Deswegen kann sich aber niemand zuhause verstecken. Es sind viele bewaffnete Patrouillen auf den Straßen unterwegs, und die Soldaten nehmen ihre Waffen mit nach Hause und können so bei Bedarf schneller reagieren.

Nick: Seit dem Bau der Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland sind die Anschläge um über 80 Prozent weniger geworden. Ich fahre regelmäßig zu Besuchen nach Israel und halte die Mauer für eine Sicherheitsmaßnahme, die funktioniert.

Was halten Sie von der Zwei-Staaten-Lösung, bei der Israel und Palästina ihr jeweils eigenes Territorium erhalten würden?

Aviv: Die Idee ist sehr gut, aber ich glaube nicht, dass dafür die Voraussetzungen vorhanden sind. Denn die Palästinenser müssten zum einen Israel als Staat anerkennen, was sie strikt ablehnen. Zum anderen müsste die Palästinensische Nationalcharta, die unter anderem den bewaffneten Kampf als einzigen Weg zur Befreiung Palästinas sieht, abgeschafft werden. Aber auch das ist nicht zu erwarten.

Nick: Ich glaube, auf palästinensischer Seite war noch nie die Bereitschaft zum Frieden gegeben. Eine Zwei-Staaten-Lösung würde man dort nur als Basis dafür nutzen, Israel zu zerstören. Es wäre also der Anfang vom Ende Israels. 1947, als die Zwei-Staaten-Lösung per UN-Resolution entstehen sollte, sagte die jüdische Führung ja, die Araber lehnten eine friedliche Lösung total ab. 1948 begannen die Araber einen Vernichtungskrieg gegen Israel. Jordanien eroberte Ost-Jerusalem und machte es Juden-frei. Gebete an der Klagemauer konnten 19 Jahre lang nicht stattfinden. Nachdem die Araber 1967 erneut einen Krieg provozierten und verloren haben, sollte jetzt die alte Teilung vollzogen werden. Es wird nur noch von Unrecht gegenüber den Palästinensern geredet und ignoriert, dass sie mit dem Vernichtungskrieg gegenüber Israel manche Rechte verloren haben, oder?

Welche Schritte müssten aus Ihrer Sicht erfolgen, damit irgendwann einmal Frieden möglich wird?

Aviv: Erstens die Anerkennung des Staates Israels und zweitens die Anerkennung des Rechtsanspruchs von Israel auf sein Land. Und dann gibt es natürlich noch die Palästinensische Nationalcharta, die zum Töten von Juden aufruft. Es muss also ein Aufruf zur Verzicht auf Gewalt erfolgen.

Nick: Es darf keine Intifada (palästinensischer Aufstand gegen Israel, Anm. d. Red.) mehr geben. Und die Araber müssen zu Gesprächen mit Israel ohne Vorbedingungen bereit sein. Doch werden von ihrer Seite alle Friedensbemühungen stets sabotiert.

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/israel-palaestina--trump-interview-mit-vertretern-der-juedischen-gemeinde-giessen_17771203.htm

  

(Bildquelle: Gießener-Anzeiger.de)

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