Auch in der Wetterau gibt’s Sorgen unter der Kippa

Der Staat Israel feiert sein 70-jähriges Bestehen, in Deutschland kommt es zu antisemitischen Vorfällen. Religionslehrer Beni Pollak spricht mit der WZ über die Angst vor der Zukunft.

Abbildung Auch in der Wetterau gibt’s Sorgen unter der Kippa

In Bad Nauheim trägt Beni Pollak die Kippa, die jüdische Kopfbedeckung. Abends am Frankfurter Hauptbahnhof würde er das nicht machen. Unter dem Terror des Nazi-Regimes mussten Juden den gelben Davidstern tragen, ehe sie deportiert und ermordet wurden. Früher war die Stigmatisierung der Juden das Ziel, heute überlegt man sich, wenn man jüdischen Glaubens ist, ob man diesen auch leben und nach außen tragen will oder man ihn aus Angst vor antisemitischen Übergriffen lieber in seinem Herzen versteckt.

Die Rede des AfD-Politikers Björn Höcke, der mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin von einem »Denkmal der Schande« spricht; ein jüdisches Kind, das in einer Berliner Schule wegen seines Glaubens gemobbt wird; ein junger Mann, der eine Kippa trägt und auf offener Straße angegriffen und als Jude beschimpft wird; eine Echo-Auszeichnung für Musiker, die Musik mit antisemitischem Inhalt unters Volk bringen: 70 Jahre nach der Gründung des Staates Israel ist in Deutschland einiges aus den Fugen geraten.

Erinnerungsmal am Kurpark

In Bad Nauheim stellt man sich der Geschichte: Eine Bank mit einem Mantel – Symbol für die Leere nach der Deportation – erinnert am Rande des Kurparks an die Ermordung von Juden, die einst in Bad Nauheim gelebt haben. »Einmalig, wie das gemacht wurde, klein und fein«, sagt Beni Pollak. Bad Nauheim sei einst ein bedeutender Kurort auch für Juden gewesen, zum Beispiel wegen der koscheren Verpflegung. Heute gibt es in der Kurstadt eine jüdische Gemeinde, die etwa 300 Mitglieder aus dem gesamten Wetteraukreis zählt.

»Die Gemeinde hat immer das Interesse zu kommunizieren, an einem Dialog mit jeder Gruppe. Von jüdischer Seite ist immer eine offene Tür, solang man sie akzeptiert«, sagt Pollak. Dialog und Offenheit sollen gegen Vorurteile und Hass helfen. Aber wie sieht es mit dem offenen Bekenntnis zum jüdischen Glauben aus? Kaum jemand trage eine Kippa, sagt Pollak. Man wolle nicht auffallen. Er selbst als Kippaträger merke, dass Leute tuscheln. Die Kippa sei eben eine Ausnahme, und die sei immer auffällig. In New York gehöre die Kippa dazu.

Gemeindemitglieder machen sich Sorgen

Pollak, der einmal pro Woche jüdischen Kindern in der Bad Nauheimer Synagoge Religionsunterricht erteilt, dies aber auch für Kinder in anderen Regionen Hessens tut, spricht auch von Kindern, die die Religionsnote nicht im Zeugnis stehen haben wollen. Weil sie nicht als Jude auffallen wollen. »Mein Traum wäre, ich sage ›Ich bin Jude‹, und der andere sagt: ›Na und?‹«

Nein, von Panik könne auch unter Wetterauer Juden keine Rede sein, aber auch er erlebe Glaubensbrüder, die sich wegen der Zukunft Sorgen machten – sowohl mit Blick auf das rechte politische Spektrum, als auch hinsichtlich radikaler Muslime. Auch Pollak kennt Polizei-Präsenz vor jüdischen Einrichtungen, Panzerglas zum Schutz. Bei der Synagoge und im Religionsunterricht in Bad Nauheim sei immer Polizei vor Ort. Auch er kennt es, dass »Jude« als Beleidigung missbraucht wird. Die einzige Art, dagegen zu halten, sei eine offene jüdischen Gemeinde, in der sich Schulklassen selbst ein Bild machten und erkennen: »Die Juden sind ganz normale Menschen«.

Es sei beruhigend, dass die Jugend heutzutage weltoffener und kritischer sei. Doch was passiert, wenn es den Menschen hierzulande mal wirtschaftlich nicht mehr so gut geht? Wird dann wieder ein Sündenbock gesucht, wie damals, Anfang der 30er? Ein beunruhigender Gedanke, sagt Pollak. »Antisemitismus ist ein Phänomen, das man nie zerstören wird.«

Den kompletten Artikel finden Sie auf den Seiten der Wetterauer Zeitung.

(Bildquelle: Wetterauer-Zeitung.de)

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